Stress mit Stress bekämpfen

Als ich in Heidelberg studierte, hatten wir zwei Mal die Woche eine Vorlesung bei Professor Topitsch, einem Soziologen und Existentialphilosophen. Wenn wir seinen hochkomplexen Gedankengängen folgen wollten, mussten wir uns 90 Minuten lang extrem konzentrieren. Danach fühlte ich mich mental gestresst. Um diesen Stress auszugleichen, ging ich in ein kleines Cafe, in dem ein recht guter Flipperautomat stand, und spielte eine halbe Stunde lang. Heute weiß ich, dass ich damit lediglich Professor Topitsch durch eine silberne Kugel ersetzte. Mein konzentrierter Geisteszustand blieb mehr oder weniger derselbe. Ich hätte besser daran getan, mich auf eine Parkbank zu setzen und meine Wahrnehmung weich werden zu lassen, den Wind auf der Haut zu spüren, mich den Vogelstimmen und Stadtgeräuschen zu öffnen, mich selber wieder zu spüren … Das wäre ein weit besserer Ausgleich gewesen, als die zusätzliche Verengung der Wahrnehmung durch das Flippern.

So wie mir damals geht es heute vielen Menschen. Sie bekämpfen Stress mit Stress. Aber man kann einen Stress nicht durch einen anderen ausgleichen. Um seelisch und körperlich gesund zu bleiben, brauchen wir eine gesunde Balance zwischen der gerichteten Konzentration und der weichen Aufmerksamkeit. Viele Menschen haben diese Balance nicht, kennen sie gar nicht mehr.

George Pennington in Bewusst Leben – Psychologie für den Alltag

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