„Stillesein“ – ein außergewöhnliches Wort (01/03)
Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen;
durch Stillesein und Harren würdet ihr stark sein. (Jesaja 30,15)
Unsere Welt dreht sich scheinbar immer schneller. Eine Krise jagt die nächste, und wir sind unablässig damit beschäftigt, unsere vielen Probleme so gut es geht zu managen. Es scheint, als hätten wir alle Hände voll zu tun, die Welt zu retten – selbst wenn es nur unsere eigene ist.
In einer solchen Lage klingt „Stillesein“ wie ein Luxus, den man sich nicht leisten kann. Wir meinen, unsere kostbare Zeit nicht mit „Stillesein“ vergeuden zu dürfen. Also verdoppeln wir lieber unsere Geschwindigkeit, statt unserem Leben Richtung zu geben.
Doch was bedeutet „Stillesein“ überhaupt? Der Begriff wirkt, als stamme er aus einer anderen Zeit. Selbst die Rechtschreibprüfung meiner Textverarbeitung schlägt Alarm: „Diese Schreibweise ist unbekannt. Bitte überprüfen Sie die Rechtschreibung dieses Wortes.“
Dabei habe ich den Begriff dem meistverkauften Buch aller Zeiten entnommen. Zugegeben, er verdankt seine Form einer längst vergangenen Epoche. Doch schon damals waren Menschen so unruhig und haltlos, dass sie meinten, sich Stillesein nicht leisten zu können. Die Angst vor einem Krieg trieb sie um. Trotzdem war Jesaja – ein bedeutender Prophet Israels – kühn genug, dem Volk zuzurufen: „Durch Stillesein und Harren (Vertrauen) würdet ihr stark sein.“
Obwohl der Begriff aus der Mode gekommen ist, fasziniert mich die Verschmelzung der Worte „Stille“ und „Sein“. Denn Stille gäbe es auch ohne mich – Stillesein jedoch nicht. Stillesein kann ich nur, wenn ich bereit bin, äußerlich und innerlich zur Ruhe zu kommen.
Darüber hinaus beschreibt Jesaja den Zustand des Stilleseins als vertrauensvolle Grundhaltung. Im hebräischen Originaltext steht dafür ein Begriff, den Martin Luther mit dem deutschen Wort „Harren“ wiedergegeben hat. Wie viele hebräische Begriffe ist die Wurzel dieses Wortes mit einem Bild verknüpft. Demnach hat die Haltung des Harrens etwas mit dem Bauchraum zu tun. Der Bauchraum gilt – nicht nur im Hebräischen – als Sitz der inneren Betrachtung und der Emotionen. Wenn eine Frau schwanger ist – selbst bei uns wird zuweilen noch davon gesprochen – ist sie in freudiger Erwartung.
In „Stillesein und Harren“ kultivieren wir also eine bejahende Lebenshaltung. Es ist eine Praxis, in der hoffnungsvolle Erwartungen genährt werden: Dankbarkeit, Vertrauen, Vorfreude, das Leben willkommen heißen und es annehmen.
