konzentriertes Denken vs. offene Wahrnehmung

Eine der Auswirkungen unseres jahrelangen, schulischen Drills auf das Denken, d.h. auf die konzentrierte Art der Wahrnehmung, ist, dass diejenigen, die den Drill verinnerlichen,
kaum jemals aufhören zu denken. Eigentlich ist denken nicht das richtige Wort für das ständige Geplapper im Kopf. Es ist ein kontinuierlicher Strom von Worten und Gedanken, oft begleitet von den entsprechenden Emotionen und körperlichen Reaktionen. Dieses innere Geplapper hört nie auf. Oft frage ich in meinen Trainings: „Ist jemand hier in der Lage, nicht zu denken?“ Immer wieder bekomme ich unter den überwiegend negativen Antworten auch die Gegenfrage zu hören: „Das geht doch gar nicht, oder?“
Menschen, die nicht mehr willentlich aufhören können zu denken, haben in sich keine Stille, keinen geistigen Freiraum, keine Gemütsruhe, nur ständigen mentalen Lärm. Es macht sie verrückt, ohne dass sie es bemerken.
Ich vermute, dass dieser Zustand mehr als 90% der mitteleuropäischen Bevölkerung befallen hat. Zwanghaftes Dauerdenken ist so verbreitet, so selbstverständlich geworden, dass
seine pathogene Natur gar nicht mehr erkannt wird. Es ist eine regelrechte Volkskrankheit, die so verbreitet ist, dass sie als „normal“ gilt. Die meisten Wissenschaftler und Ärzte, die Alarm schlagen könnten und sollten, sind wahrscheinlich selber zwanghafte Dauerdenker. Sie werden sich kaum selber als solche zu erkennen geben wollen.
Stattdessen steigen die Zahlen der Stressgeplagten, Fehlzeiten und Suizide nehmen zu und die Pharmaunternehmen machen gute Umsätze mit ihren Psychopharmaka.
Viele von uns haben einfach vergessen, wie man über das Denken hinaus kommt, wie man auf die weicheren Zustände der Wahrnehmung zugreift. Wir bilden uns ein, wir müssten dazu „abschalten“. Nichts könnte falscher sein. Denken ist ein exklusiver Wahrnehmungszustand, in dem die meisten Wahrnehmungskanäle ohnehin abgeschaltet sind. Anschalten ist angesagt. Die Wahrnehmung muss wieder geöffnet werden, nicht noch weiter geschlossen.

George Pennington in Bewusst Leben – Psychologie für den Alltag

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